Don Quichote im 21. Jahrhundert
eine Posse in vier Akten; leider nicht besonders frei nach einer wahren Begebenheit
von Marcus Höfer
Der spanische Möchtegern-Ritter Don Quichote gilt als Inbegriff für hartnäckigen Wahnsinn. Niemals hätte er sich träumen lassen, dass seine legendäre Attacke auf die Windmühlen Vorbild für eine ganze Generation werden sollte. Eine Generation, die sich nimmermüde in den Kampf mit Hot-Line-Nummern wirft. Eine Generation, die wieder und wieder die gleiche Warteschleifenmusik erträgt, die immer 100prozentig fröhlichen Bandansagen kommentiert und am Ende bei einem unwissenden, unterbezahlten Menschen landet, der in seiner 90 minütigen Fachschulung Spitzenleistungen im Büroklammerverbiegen erzielt hat.
Prolog
Leidgeprüft war der Held dieser Geschichte, als er wegen eines Garantiefalls die SAMSUNG-Hotline als einzige Kontakt-Möglichkeit ausmachte. Ahnte er, was kommen würde? Oder war er frohen Mutes, und hoffte auf einen reibungslosen Ablauf?
Nach zwei Jahren unermüdlicher Attacken auf Hammelherden der TELEKOM und blutiger Gefechte mit den Weinschläuchen von ALTERNATE hatte unser moderner Don natürlich eine gewisse Hartnäckigkeit und Ausdauer entwickelt. Trotzdem zitterte die Hand unseres kleinen Landadeligen, als er mutig die Nummer wählte. Bange fragte er sich, ob er auch dieses Mal wieder dem Wahn anheim fallen würde?
»Herzlich willkommen bei SAMSUNG«, säuselte eine männliche Stimmen-Sex-Bombe (nennen wir sie mal Ken) aus der Konserve der Ansagedienste. Frage, Antwort, Frage Antwort ... Don war gewappnet, das Schlachtfeld kannte er. Er übersprang diese Hürden im Galopp, als wäre sein alter Klepper Rosinante ein Champion mit Stammbaum und landete schließlich im zähen Schlamm der Warteschleifenmusik. Die Energie verpuffte im Gedudel. Gelegentlich säuselte eine weibliche Sex-Bomben-Stimme (nennen wir sie mal Barbie), dass er bald mit einem Menschen sprechen dürfe. Dudel,dudel, Barbie, dudel, hchschnrch ...
»GUTEN TAG und herzlich willkommen bei Samsssnnngelectronx. meinnameist NuschelNuschel ... für sie tun?«
Erschrocken und verdattert erwachte Don aus der Hypnose: »Mein Monitor flackert.«
»Haben Sie noch Garantie drauf?«
»Ja.«
Daraufhin nahm Herr NuschelNuschel die Daten des Monitors und unseres Helden auf. Der überreichte überrascht und friedlich gestimmt seinem Gehilfen die speziell gefeilte Angriffs-Lanze. »Vor-Ort-Service?«, fragte er kleinlaut.
»Kein Problem«, sagte NuschelNuschel. »Sie müssen nur in drei Tagen, drei Tage lang unter der Abholadresse erreichbar sein.«
»Drei Tage lang?«
»Genau, aber erst in drei Tagen!«
Der Knappe zupfte am Rock des Helden und flüsterte: »Austauschgerät.«
»Austauschgerät?«, fragte der Held den freundlichen Nuschelnuschel.
»Können Sie haben, aber dann dauert das alles vielvielvielviel länger.«
»Na gut, dann lieber schnell«, antwortete der Held und dachte an den Hammelherden-Krieg, den die TELEKOM durch taktisches Ignorieren auf zwei Jahre ausgedehnt und der die Kriegs-Telefon-Kasse drastisch reduziert hatte.
»Also, dann in drei Tagen.«
»In drei Tagen«, bestätigte der Held und sah erstaunt zu seinem Knappen hinunter. »Drei Tage«, sagte der treue Sancho Panza. Sein zweifelndes Kopfschütteln war nur zu erahnen, und im nachhinein hätte es durchaus als Sancho Panzas wichtigste Prophezeiung missdeutet werden können. Doch lesen sie selbst.
I. Akt
Allen Zweiflern zum Trotz lief es zunächst fabelhaft. Denn statt erst nach drei Tagen Wartezeit erschien eine dienstbeflissene Gelbjacke am folgenden Tag und forderte eindringlich die Herausgabe des Garantiefall-Objektes. Diese durchaus positive Überraschung nahm der selbsternannte Ritter mit hektischer Gelassenheit, verpackte flugs und sah die Gelbjacke vom Gehöft traben. Doch die Gefühle waren gemischt, schon einmal waren blutige Schlachten um ein Garantiefall-Objekt entbrannt, das einem Flummi gleich in immer neuen Varianten und mit immer unsinnigeren Begründungen unbenutzbar beim Helden landete.
Sich erinnernd an die Prüfzung seiner Leidensfähigkeit durch den ehemaligen Feind ALTERNATE, der ihm immer noch 40 Stunden Lebenszeit schuldete, gönnte er sich ein Ruhelager. Drei Wochen zogen so ins Land. Doch Don wäre nicht ein beinahe echter Ritter wenn er nicht mal nach dem Rechten fragen würde. »Herzlich willkommen bei SAMSUNG«, säuselte Ken und geleitete ihn mit spannenden Ratschlägen durch den Computerdschungel. Auch Barbie begrüßte ihn und erläutert ausführlich die Vorteile einer Produktregistrierung, die auch durchaus in ganz tolle, superduper Gewinne münden könnte.
»Endlich der Sumpf«, dachte sich unser Held und watete durch die Warteschleifenmusik, die in einem trickreichen Hypnose-Muster von Barbies aufmunternden Worten unterbrochen wurde.
Nach ungezählten Minuten doch noch ein lebendes Wesen. Diesmal wohl die Schwester von NuschelNuschel.
»Mein Monitor ist in Reparatur.«
»Ihre Kundennummer?« fragte NuschelNuschels Schwester und verfolgte mit gestreckten Zeigefinger die Angaben des Helden. Dann fragte sie nach dem Begehr des Helden. »Termin«, antwortete dieser.
»Da kann ich Ihnen leider keine Auskunft geben.«
Don Quichote atmete schwer. Seine persönliche, total verrückte Welt war wieder genau das, was er von ihr erwartet hatte. Nämlich total verrückt. Wobei der Autor an dieser Stelle schon mal die nicht unwichtige Frage »Wer oder was ist hier wirklich verrückt?« einwerfen möchte. Doch unser Don sah lediglich seine Hoffnungen auf schnelle Abwicklung derart schnell zerbröseln, dass selbst ein aufgetoastetes Brötchen in Demut erstarren würde. Nur um Klarheit zu erlangen fragte der Held, der schon ein Gasthaus in eine Burg verwandelt hatte: »Wie bitte?«
»Mir liegen hier keine Informationen vor.« Dieser Satz von NuschelNuschels Schwester steht übrigens als Motto über jedem NuschelNuschel-Arbeitsplatz und wird in Sprech-Kreisen der Berufsfortbildungswerke trainert. Abschluss: »Null-Info-Bachelor«; mit Auszeichnung »Doppelnull-Info-Bachelor«. Aber zurück zur Posse.
»Gut, wem liegen denn Informationen vor?«, fragte Don
»Da liegen mir hier keine Informationen vor.«
»Was raten Sie mir?«, fragt der Held naiv.
»Da liegen mir ...« NuschelNuschels Schwesterherzchen stockt. »Einen Moment bitte.« Während unser Held den Warteschleifensumpf Länge mal Breite durchquerte, die leidgeprüfte Service-Mitarbeiterin zwei Panikanfälle überwinden musste und ein längeres Gespräch mit der Betriebspsychologin führte, ahnt der geneigte Leser bereits, das dies nicht der letzte Akt der Geschichte ist. »Rufen Sie in zwei Tagen noch mal an«, greinte sie und kappte die Verbindung. Dieses Echo begleitete unseren Helden die folgenden zwei Tage.
II. Akt
»Herzlich Willkommen bei SAMSUNG«, vermeldete Ken, als wäre nichts geschehen. Auch Barbie spielte perfekt die Unschuld vom Lande und leitete den Helden direkt zur tödlichsten Beleidigung der Notenschrift. Dann doch irgendwann: Eine echte männliche Stimme. Es war NuschelNuschel. Hocherfreut über den alten Bekannten wollte sich Don gerade über das Befinden der Schwester erkundigen, da unterbrach ihn die Stimme und erklärte, dass er zwar NuschelNuschel hieß, aber eigentlich Esskuchen gerufen wurde. Was folgte, wäre beinahe das Ende dieser Posse gewesen. Denn Esskuchen vermeldete nach zwei turnusmäßig und äußerst lieblos eingeworfenen »Da liegen mir keine Informationen vor«, dass der Monitor nicht reparabel sei und Don binnen weniger Tage ein Austauschgerät bekommen würde.
Überrascht setzte sich Don Quichote zu seinem treuen Knappen an den behaglichen Kamin. Sie plauderten über alte Gefechte um überzogene Rechnungen und gestörte Telefonleitungen. Sollte jetzt alles besser werden? Die Antwort gab das Telefon nur unwesentlich später. Eine Bekannte von NuschelNuschel, die sich bei genauerer Nachfrage als Frau Holzhauer herausstellte, vermeldete mit der ungezwungenen Fröhlichkeit, die auf einen Neuling des Call-Center-Gewerbes schließen ließ, dass der Monitor jetzt bei Samsung angekommen sei und direkt zur Werkstatt weitergeleitet werden würde.
Don ging gar nicht erst auf die zur Definition anstehende Klärung der Zeitspanne von »direkt« ein, sondern raunte heiser ein »Bitte was?«
Auch die Wiederholung der fröhlichen Anfängerin änderte nichts am Unverständnis beim Helden. »Fester Termin, Nicht reparabel, hieß es vor nicht mal zwei Tagen«, stammelte er, doch da kam schon wieder das Credo zum Tragen »Da liegen mir leider keine Informationen vor.«
Don ließ sich die Lanze reichen. »Termin oder Krieg?«, rief er.
»Dazu liegen mir hier keine Informationen vor.«
Dons Blickfeld rötete sich »Die Werkstatt, Telefonnummer!«
»Die Information darf ich nicht rausgeben.«
»Eigentum. Telefonnummer?«, knurrte er.
»Einen Moment bitte ...« Zwei Minuten Sumpf. Dann Holzhauers Stimme leicht schniefend. »Die Firma EUROPOINT, ich gebe Ihnen die Nummer. In zwei Tagen nachfragen.«
Bei Europoint waren übrigens Kens Bruder und Barbies Schwester angestellt. Der Hüter des Warteschleifensumpfes verteidigte jedoch wacker sein Monopol. Und auch hier blieb dem Helden zunächst das Tor mit den Worten »da liegen mir keine Informationen vor« verschlossen. Erst nach einigen Scheinattacken und der Entzifferung des Nuschel-Nuschel-Namens als Frau H. tropften die Informationen. Nachdem Sie dem Don versichert, hatte dass es sich bei diesen Informationen um hochwichtige Staatsgeheimnisse handeln würde und ihr die Exekution drohte, flüsterte sie: »Das Gerät ist als nicht reparabel zurück zu Samsung gegangen.« Don, der das Bild einer Maid vor einem Erschießungskommando nicht ertragen konnte, versprach, sie nur als Frau H. zu bezeichnen.
III. Akt
Also zurück zum Anfang. Ken und Barbie bekamen nur eine flüchtige Begrüßung. Stoisch die Haltung des Helden im Sumpf. Wie erwartet meldete sich NuschelNuschel, der aber offiziell Bartholz ausgesprochen wurde. »Keine Informationen.« Doch Don wollte diesmal nicht klein beigeben, beschloss den Nuschel-Chef zu verlangen und erhielt auch nach nervtötender Musik eine Audienz. Eigentlich hätte Don ihn gerne Obernuschel genannt, aber dieser Mann tönte mit einem Selbstbewusstsein, dass schon Diktatoren zu Fall gebracht hatte, aber keinesfalls Rückschlüsse über den Bürovorstand von 20 Telefon-Schergen zuließ, seinen vollen Namen klar und verständlich in den Hörer: »Andreas Staben, was kann ich für sie tun?« Don war natürlich längst klar, dass er bereits eine Entsprechung von »Roter Alarm« auf dem Bildschirm des Nuschel-Chefs ausgelöst hatte, als er seine Kundennummer preisgab. »Schwieriger Kunde« stand dort vielleicht. Oder auch »Nervensäge«. Wahrscheinlich aber »Riesenarschloch«. All dessen war sich Don bewusst. Doch er fühlte sich in diesem Moment einzig dem kleinen Mann verpflichtet. Ja, er! Don Quichote de la Mancha. Er hatte Erfahrungen mit Windmühlen. Ein Profi, der sich an die Seite des kleinen Mannes stellte und diese schier unbezwingbaren Mühlen niederkämpfte. Mit all seinem Mut fragte er: »Termin?«
Mit deutlich mehr Engagement als seine unwissenden Schergen tönte der Chef der NuschelNuschels »Da kann ich Ihnen keine Informationen geben.« Das höhnische Lachen des Helden veranlasste den Chef der Nuschelbande ein paar ausführende Worte anzufügen. »Ich habe hier ein RMA vorliegen aber ich kann dazu keinen BA finden, der eigentlich zusammen mit dem RTD eingegangen sein müsste.«
Ein Fachmann dachte sich der Held. Erneut fragte er: »Dann Termin?«
»Zwei Wochen.«
Eine Pause entstand. Auf diese Finte war Don nicht vorbereitet. All die Wut, die alle kleinen Männer zusammen in Hotline-Stunden verbrannt hatten, kochten in ihm. Und jetzt sollte er einen Termin bekommen. »Ist das eigentlich gut oder schlecht?«, fragte er sich in Gedanken. »Gut«, rechnete er, »weil die unendliche Geschichte ein Ende haben könnte. Schlecht, weil mittlerweile aus dem harschen Winter ein sonnig warmer Frühling geworden war. Schlecht, weil der nun doch angekündigte Komplettaustausch keine Frage von Stunden, sondern Wochen war. Er warf Gut und Schlecht in die Waagschalen. Schlecht knallte dermaßen heftig auf, dass die Schale eine Delle bekam. Gut raste dagegen wie ein Katapultstein durch die Decke. Don erinnerte sich, das er bereits schon mal einen Termin hatte, dessen Lebensdauer selbst von einer Seifenblase mitleidige Blicke bekommen hätte. Unter diesem Argument erfand die »Schlecht«-Waagschale die Schwerkraft neu. »Nächste Woche,« bot Don an und empfand dies als rechtens. Schließlich war ein RMA ja nicht die Steuererklärung von Herrn Ackermann, sondern nur ein Formular zum Gerätetausch.
»Keine Verhandlungen! Unmöglich.«
»Genug,« sagte Don beinahe ruhig, obwohl der kleine Mann in ihm bereits zähnefletschend Nuschel-Fleisch forderte. »Dann also den Chef vom Nuschel-Chef, bitte!«
»Es gibt keinen über mir.«
Gott = Kanzlerin = Nuschel-Chef = Andreas Staben = ? Ein Geistesblitz durchzuckte den Ritter: »Herr Samsung!«
»Nein, das nicht, aber Chef in dieser Abteilung.«
»Postanschrift«, keuchte der Held und erkannte mit Schrecken, dass diese Windmühlen aus Gummi waren, die alle Attacken immer und überall überstehen würden.
»Moment, die muss ich erst suchen.«
»Ha«, dachte der Held in der langen Pause. »Muss wahrscheinlich erst noch seinen Namen googlen, der Herr Samsung.« Und Don hatte auch noch Zeit, ausführlich darüber nachzudenken, dass der Herr Samsung mit Sicherheit nicht die Wirtschaftskrise für die schwindenden Absatzzahlen seiner Firma verantwortlich machen konnte. »Da liegt der Hase ganz anders im Pfeffer.« Und im Stillen erklärte Don dem Nuschel-Chef die wahren Gründe. Doch der ließ ja eh nicht mit sich reden, da er noch auf der Suche nach sich selbst war. »Samsung Electronics GmbH«, kam es nach einer überstrapazierten Weile. Der Anfang war gemacht. Immerhin. Doch die gefüllte und gespitzte Feder trocknete aus, bevor er noch »Samsung Haus« ergoogelt hatte. Um es kurz zu machen: Bis zur vollständigen Entschlüsselung der Adresse, hätte unser Held, einen Abschluss in Quantenphysik machen und nebenbei den Weltfrieden organisieren können.
Von der Hoffnung getrieben, wenigstens die einzige feste Zusage retten zu können, fragte der Held resigniert: »Zwei Wochen, also?«
Die Antwort dürfte den geneigten Leser weit weniger überraschen, als den Helden in diesem Augenblick. »Dazu kann ich Ihnen keine konkreten Informationen geben«, sagte Herr Samsung und bewies damit die gute alte Schule, die ihm der Held auch kurzerhand zum Vorwurf macht. Derart herausgefordert bot das Firmenoberhaupt, seine gesamte Kompetenz in die Waagschale werfend, einen Rückruf an. Don, durchaus nicht so kriegerisch, wie er gerne interpretiert wird, ging auf diesen Waffenstillstand ein.
IV. Akt
Schließlich machte Herr Samsung seinem Versprechen alle Ehre, und Don erhielt sogar zwei Anrufe. In »Wir können ihnen leider noch keine weiteren Informationen geben« und »Uns liegen leider noch keine neuen Informationen vor«, lobte der Held zwar die kreativen Ansätze, empfand aber nur noch Wut und Trauer. Grimmigen Blickes legte er die Rüstung an und schickte seinen Gefährten, das Schlachtross Rosinante zu satteln.
»Für Verbraucherschutz und den kleinen Mann von der Straße! Attacke!«, rief er und stürmte dem zahlenmäßig überlegenen Gegner entgegen, zerfetzte die Sprachchips von Ken und Barbie, erdolchte den Warteschleifenkomponisten, ritt weiter, kehrte um, erdolchte den Komponisten weitere vier Mal, knallte Herrn Samsung einen vor den Latz und stand schließlich vor der Festung der delegierten Reparaturwerkstatt TELEPLAN. Im Sturm aufs Tor. Den Schlachtruf auf den Lippen, die Sporen fest in den Flanken des treuen Vierbeiners schloss Don für ein kurzes Stoßgebet die Augen. »Herr im Himmel gib mir die Kraft, all die geplagten und verstörten Hotline-Opfer zu rächen. Hier und jetzt muss es gelingen. Gott gib mir ...« Der Rest wurde durch den Aufschlag auf das harte Pflaster unterbrochen. Was hatte Rosinante zu einer derartigen Vollbremsung getrieben? Don sah sein blutendes Kinn haltend das Pferd an. Der treue Gaul nickte Richtung Tor. Über der Pforte stand das Firmenmotto »Termine? Machen Sie sich nicht lächerlich.«
Epilog
30 Jahre später sitzt Don allein vor dem Kamin. Die Illusion eines Termins war von ihm abgefallen, wie auch Sancho Panza, der mit dem Verweis auf den geringeren Stress und das besser Klima eine gut bezahlte Stelle als Personenschützer im Irak angenommen hatte. Da klingelt es plötzlich an der Tür. Der Paketbote bringt den Garantiefall. Don kann sein Glück kaum fassen. Er übersieht sogar die verblassten Farben des Gehäuses. Doch woran soll er diese Antiquität noch anschließen? Die Standard-Holografie-Schnittstelle ist leider nicht abwärtskompatibel. Ratlos wendet er sich an die Gelbjacke. Die hatte sofort die die richtige Antwort parat.
»Dazu kann ich Ihnen keine Informationen geben«, schnarrte Kens Stimme aus dem Lautsprecher des Paketroboters. |
Der geköpfte Gast
von Marcus Höfer
Für Kommissar Durutti von der spanischen Kripo gab es keinen Zweifel: Das junge Flittchen hatte etwas mit dem Tod des Mannes zu tun, der fast nackt und blutüberströmt halb auf dem Bett lag. Alles passte ins Bild. Das billige Hotelzimmer in einer Absteige mit billigem Namen auf der Seite Mallorcas, die Billigtouristen bevorzugen. Aber, und das wusste er aus langjähriger Erfahrung genau, auch die Sorte Menschen, die etwas zu verbergen hatte, gastierte bevorzugt auf dieser Seite der Insel. Und hier war die Sache klar. Ein dickes Bündel 500-Euro-Noten und ein Briefchen mit Kokain lagen neben dem Toten.
„Ich glaube ihre Geschichte nicht.“, wandte er sich an die junge Frau, die leicht zitternd in T-Shirt und Hotpants vor ihm stand. Er hingegen schwitzte sich große dunkle Flecken am Rücken und unter den Achseln. Die schwüle Spätsommerhitze war in dem stickigen Zimmer beinahe unerträglich.
Anne Hansen konnte es nicht fassen. Dieser kleine, fette Kommissar, dessen Alkohol-Fahne direkt zur nächsten Kneipe führen musste, verdächtigte sie, etwas mit dem Tod des Mannes zu tun zu haben. Und dazu verhörte er sie in dem Zimmer mit der übel zugerichteten Leiche. Sie wagte es nicht, noch einmal auf den Toten zu blicken. „Bitte. Können wir das Gespräch in einem anderen Raum fortführen? Der Anblick eines Menschen, dessen Kopf halb vom Rumpf getrennt ist, ist mir äußerst unangenehm“, sagte sie erstaunlich gefasst.
Der Kommissar machte eine Geste Richtung Tür, und sie gingen in das Nachbarzimmer mit identischer Ausstattung. „Also noch mal fürs Protokoll“, begann Durutti, nachdem er es sich auf dem einzigen Stuhl im Zimmer bequem gemacht hatte. „Sie haben den Mann, von dem sie nicht viel mehr wissen, als das er Gerd heißt und Einkäufer in Hamburg ist, vor drei Stunden erst kennengelernt.“ Sein Blick sagte, dass er ihr nicht glaubte.
Sie streifte ihre Flip-Flops ab, setzte sich mit dem Rücken zur Wand aufs Bett und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. „Genau. Ich wollte auf diese Seite der Insel trampen und da hat mich Gerd mitgenommen. Das war vor drei Stunden.“
Der Kommissar hob die Augenbrauen und schoss einen Habichtsblick auf sie ab: „Und einen Augenblick später, landen sie zusammen mit dem Toten im Bett in einer billigen Absteige. Womit verdienen sie ihr Geld? Wenn ich fragen darf ...“, aber noch bevor Anne auch nur ein empörtes Nein-sie-dürfen-nicht! herausbringen konnte, gab er sich selbst die Antwort, die er hören wollte. „Als Prostituierte.“
Jetzt wurde es Anne zu viel. „Ihre Unverschämtheiten lasse ich mir nicht länger gefallen. Ich mache nächstes Jahr meinen Doktor in Geophysik und bin ihnen und ihren unterirdischen Manieren keine Rechenschaft schuldig. Abgesehen davon, war ich unter der Dusche und nicht mit ihm im Bett. Denn im Gegensatz zu Ihnen hatte Gerd Manieren. Als ich mich gerade abgetrocknet hatte hörte ich das Zimmermädchen wie am Spieß losbrüllen. Ich bin rausgestürmt und sah Gerd, so wie er jetzt noch daliegt. Ende der Geschichte.“
Durutti, dessen Schweißflecken dank des laufenden Deckenventilators keine weiteren Ausdehnungsversuche machten, hatte da eine andere Vorstellung. „Ich glaube, sie haben den Mann mit einem großen Messer von hinten umgebracht und sich gerade das Blut vom Körper gewaschen, als das Zimmermädchen hereinkam.“
Anne hielt es nicht mehr auf dem Bett. Sie sprang auf und beugte sich über den Kommissar, der immer tiefer in seinem Stuhl zusammensank. Als er nicht mehr tiefer sinken konnte, verharrte ihr Gesicht fünf Zentimeter vor seinem. Der Weindunst nahm ihr fast den Atem, aber sie war von der Unfähigkeit des Kommissars so in Rage, dass sie dies nicht bewusst realisierte. „Welches Motiv hatte ich denn? Und wo ist bitteschön die Mordwaffe?“
Der Kommissar stieß sie nicht gerade freundlich zur Seite und stand ebenfalls auf. „Das Motiv dürfte ja wohl klar sein. Viel Geld und dazu die Drogen sind für jeden Staatsanwalt Motiv genug. Und die Mordwaffe werden wir auch schon finden. Wahrscheinlich hatten sie einen Komplizen, der dann durch das Fenster verschwunden ist. Mein Kollege sucht bereits draussen nach Spuren.“ Durutti spürte, wie er wieder die Oberhand gewann.
„Na klar!“, sagte sie mit spöttischem Blick. „Mein nicht existierender Komplize versucht beinahe erfolgreich einen Mann zu enthaupten, als hätte das Mittelalter eine Rennaissance, springt aus dem zweiten Stock auf einen Parkplatz, läßt aber die Beute liegen, während er mich mit meinem dringenden und unaufschiebbaren Bedürfnis nach einer Dusche mit der Leiche zurückläßt. Und was die Drogen angeht, dürfte das nicht mal ein halbes Gramm Kokain sein. Kaum ein Grund für einen Mord.“
Durutti, brauchte ein paar Sekunden, um die wichtigen Informationen aus der Aussage zu filtern und sie in seinen weinschwangeren Hirnzellen zu verarbeiten. Nur um schließlich festzustellen, dass er beim Spiel um die Oberhand den Aufschlag wieder abgegeben hatte.
In diesem Moment knarzte das Funkgerät. Kaum verständlich meldete sich der Kollege von draussen. Anne verstand genug spanisch, um zu verstehen, dass dieser etwas gefunden hatte. Der Kommissar antwortete kurz ins Funkgerät, steckte es wieder weg und sah Anne mit triumphierenden Blick an. „Na, dann wollen wir mal sehen, was Paolo draussen gefunden hat.“ Gemeinsam stiegen sie die schmale Treppe hinab und gingen durch die verlassene Lobby, in der lediglich der verschlafene Portier einen kaum erkennbaren Hauch von Leben brachte. Und dieser zeigte auch nur für die Winzigkeit eines Augenblicks Interesse. Draussen auf dem kleinen Innenhof redete ein Mann mit beruhigenden Gesten auf ein Touristenpaar ein, das anscheinend wild entschlossen war, keine weitere Nacht in dem Hotel zu verbringen. Das einzige was diesen Mann in verknitterter und schmutziger Kleidung mit einem Hotelmanager verband, war die Anstecknadel mit der Aufschrift „Hotelmanager“. Das Pärchen glaubte dem Manager anscheinend nicht und bestieg das wartende Taxi, das den Innenhof verließ und nur eine kleine Staub- und Auspuffgas-Fahne zurückließ. Der Manager drehte sich um und schickte ein kurzes Stoßgebet zum Himmel, in dem er erstaunlicherweise den Namen „Maria“ siebenmal unterbrachte. Als er dies beendet hatte, erblickte er Anne und den Kommissar, die sich gerade über den Vorplatz näherten.
„Ah, Kommissar Durutti. Haben sie etwas herausgefunden? Ist die Pendanga die Täterin?“
Noch bevor der Kommissar berichten konnte, schnitt ihm Anne das Wort ab: „Wen meinen sie mit Flittchen? Sie schmierige Karikatur eines Hotelmanagers.“
Der Manager war überrascht, dass sie das spanische Wort für Flittchen kannte und zeigte das auch deutlich durch seine herabfallende Kinnlade. Als diese ihre ursprüngliche Position wieder erreicht hatte, lud ihn Durutti ein, mit zum Parkplatz hinter dem Hotel zu kommen.
Dort wartete bereits Paolo, der mit seiner Taschenlampe auf einen Gegenstand im Gebüsch zielte. Schon von weitem ermahnte Durutti seinen Kollegen siegessicher, nichts anzufassen.
Der Manager rieb sich die Hände „Gleich haben wir nicht nur die Täterin, sondern auch die Mordwaffe.“
Als die kleine Gruppe Paolo erreichte, entstand eine lange Pause. Alle starrrten auf den blutbesudelten Gegenstand, der halb verdeckt im Gebüsch lag.
Anne fand als erstes die Sprache wieder: „Dann kann ich ja wohl jetzt gehen.“
Durutti und der Manager überboten sich gegenseitig im Schrumpfen vor Scham. „Äh, ja natürlich, können sie gehen. Und um die Rechnung brauchen sie sich auch nicht zu kümmern“, entschuldigte sich der Manager.
Fordernd blickte Anne dem Kommissar ins Gesicht. Der wich ihrem Blick nach unten aus. „Ja, Sie können gehen. Ich hoffe, Sie hatten keine Unannehmlichkeiten.“
Anne ließ die drei Männer stehen und ging aufs Zimmer um ihren Rucksack zu holen. Sie umrundete die Leiche schnappte sich ihren Rucksack und zerrte unter dem Bett eine Tüte mit zehn weiteren Geldbündeln hervor. Sie wickelte die Tüte in ein Handtuch und verstaute das Päckchen tief im Rucksack. Es war an der Zeit zu verschwinden, bevor noch jemand auf die Idee kam, den Gegenstand im Hof genauer zu untersuchen. Sie hatte nicht den Hauch einer Ahnung wie sie ihre Fingerabdrücke auf den Flügeln eines Deckenventilators erklären sollte. |